fbpx

Eine Liebe zum Lernen

Drei Yogastudios, drei Fortbildungen für YogalehrerInnen. Über die Kunst des Unterrichtens.

Von Steffi Grube

Es ist Donnerstag, Feiertag, Christi Himmelfahrt. Vatertag. Die Straßen in Köln sind ungewöhnlich leer. Das ist gut für die, die Fahrrad fahren und auch gut für die, die einen Parkplatz in sonst hoffnungslosen Straßen suchen.

10.02 Uhr

Barbrah Noh beginnt den Unterricht.

hanna-witte.de

Als eine Teilnehmerin im letzten Moment in den Raum kommt, findet sie noch genau einen Matten-großen Platz in der zweiten Reihe.

Barbra Noh geht es um Sprache und wie man sie als Yogalehrer und -lehrerin benutzt. Barbra nennt das: die Kunst der schönen Sprache. Deutsch ist nicht Barbra’s Muttersprache, und vielleicht macht das ihre Wortwahl aus: dass sie mehr auf die Wörter achtet, die sie benutzt. Barbra erzählt, sie habe Deutsch gelernt, indem sie viele verschiedene Synonyme direkt mit-gelernt hat: anfassen, berühren, streicheln. Es macht einen Unterschied, für welches Wort du dich entscheidest, wenn du im Unterricht etwas ansagst. Es macht einen Unterschied für deine Schüler und Schülerinnen. Sie verstehen deine Anweisung anders.

„Als Yogalehrer arbeiten wir hauptsächlich mit unserer Stimme,“ sagt sie. Und dennoch sei es eben keine Selbstverständlichkeit für viele, sich in diesem Gebiet fortzubilden. „Wir brauchen eine andere Auseinandersetzung mit Wörtern.“

11.00 Uhr

„Say what you need to say.“

Meghan Currie redet leise und sanft.

„What about not taking your thoughts so personally?“

Im vollen Yogaraum ist es warm,  Meghan Currie spricht über den inneren Körper, the subtle body. Auf deutsch könnte man Energiekörper sagen oder feiner Körper.

„Release your jaw tension.“

Es ist ruhig im Raum. Außer Meghans Stimme hört man die Teilnehmenden atmen. Manchmal knackt der Holzfußboden.

Meghans Workshop dreht sich um das Thema, bestimmte Körperteile separat zu fühlen und aktivieren zu können. Und zwar in verschiedenen Stärken. Mal leicht, mal stärker, mal nur in Kombination mit einem anderen Körperteil.

Die TeilnehmerInnen stehen auf ihren Matten, Meghan erklärt, dass Bewegung immer von innen kommt.

„You do not move the arms, if you do not feel forced to do it. Until your subtle body moves you.“

Dann zeigt sie, was sie meint: Sie stellt sich vorne hin in Tadasana und erklärt, dass sie in die Füße nach unten presst. So lange, bis dieses Nach-unten-Pressen in die Beine aufsteigt. In die Hüfte und in das Becken. Bis sie den Impuls verspürt, die Arme zu heben und sich nach oben zu strecken. Anders gesagt: Bis sie nicht anders kann, als die Arme nach oben zu strecken.

hanna-witte.de

14.30 Uhr

Matt Giordana kontrolliert die Aufgaben vom Vormittag. In Gruppenarbeit sollten die TeilnehmerInnen sich eine Peak-Pose suchen und eine Struktur entwickeln, die Matt Giordano zuvor erklärt hatte. „Wenn du bei Hanuman die Schwerkraft rausnimmst, was muss dann arbeiten?“, fragt er. Es werden bestimmte Muskeln und Muskelgruppen in den Raum geworfen. Matt versucht sie zu systematisieren, zu beschreiben, warum welcher Muskel wichtig ist für die Vorbereitung eines Peaks. „Wenn dich das jetzt total überfordert“, sagt Matt, „dann kannst du einfach damit anfangen, zu googeln und so zu lernen. Google: Wenn ich eine Vorbeuge mache, welche Muskeln brauche ich dafür? Du wirst alle Antworten schnell bekommen. Das ist ein Anfang. Von dort gehst du weiter.“

Bei Matt ist alles sehr genau und sehr spezifisch in Sachen Körper-Arbeit. Und es ist keine Frage, ob dieses Wissen wichtig ist für den Unterricht und ob man als YogalehrerIn darüber verfügen muss. Dennoch geht sein Workshop über eine rein anatomische Arbeit hinaus: „Wenn man eine Rückbeuge als Peak-Pose nimmt, zum Beispiel das ganze Rad, was wäre dann generell eine gute Voraussetzung für den Unterricht?“, fragt Matt. Er erklärt:

Es gibt immer SchülerInnen, die sich auf Rückbeugen freuen, die schon im Denken an eine Rückbeuge sich körperlich öffnen. Und dann wird es immer diejenigen in der Klasse geben, die Rückbeugen mit Schmerzen verbinden oder mit Unwohlsein. „Und wenn du dir jemanden vorstellst, der gerade etwas Besonderes geschafft hat, eine sportliche Leistung zum Beispiel, wie sieht derjenige aus?“, fragt Matt. Er reißt die Arme in die Luft und imitiert jemanden, der durch eine Ziellinie läuft. „Das hier“, Matt lehnt sich im Oberkörper leicht zurück, immer noch mit den Armen nach oben gestreckt, „das ist schon eine Rückbeuge im Stehen, ich gehe schon in Richtung Rad.“

„Wäre es also nicht schön“, sagt Matt, „wenn wir genau mit dieser Stimmung starten könnten? Für eine Rückbeugenklasse?“

Drei verschiedene Workshops, die sich alle an YogalehrerInnen richten:

  1. die Stimme und die Kunst der Ansage
  2. unser feiner, energetischer Körper und wie ich verschiedene Details in ihm aktivieren kann
  3. der systematische und kluge Aufbau der Stunde, so dass die Peak-Position von Beginn an vorbereitet wird

Alle drei Pre-Conferences sind ausgebucht – was zeigt, dass Interesse in diesem Gebiet zu genüge existiert. Es ist natürlich auch so, dass es immer mehr YogalehrerInnen gibt. Dabei steigt auch insgesamt die Qualität des Unterrichts – und mehr Senior-Teacher können sich auf das Fortbilden von Yogalehrenden konzentrieren.

Eine Frau in Barbras Workshop „Die Kunst der schönen Sprache im Yoga“ erklärt, warum sie hier ist: „Ich möchte mit meinen Ansagen im Unterricht inspirieren. Ich möchte mehr Menschen in meinen Klassen erreichen.“

Barbra nickt: „Wir wollen effektiv sein mit unseren Ansagen“, sagt sie. „Keiner in unserem Unterricht muss den Kopf heben und schauen, was wir eigentlich meinen. Das bezieht sich auf den physischen Körper.“ Aber dann, so sagt sie, gibt es eben auch den philosophischen Inhalt: „Dass wir in der Lage sind, philosophische Konzepte in unsere Stunden zu integrieren. Wenn ich das weglassen würde, wären meine Stunden unglaublich technisch.“

„I don’t wanna be a Sportlehrer“ Barbra Noh

Meghan Currie zeigt auf ihre Handflächen. Sie spreizt die Finger und versucht dabei, auch die Ballen ihrer Hand zu spreizen.

„Spread the roots from the base of your fingers. Stretch your fingers and stretch the whole outer hand. The whole hand stretches like canvas.“

hanna-witte.de

Meghan gibt Detail-Anweisungen, um dorthin zu gelangen, wo sie ihre SchülerInnen haben möchte. Es geht in den Vierfußstand.

„Now claw the mat with your hands from 0 to 10. 10 is aggressive. Stay at 10 and breathe into that. Claw at 10 aggressively. Take it into the mat. There is heat, activation, like, dislike, physical sensation.“

In dem Vierfußstand die Hände in die Erde zu schieben, bedeutet immer auch Ganzkörperspannung. Nie sind es nur die Hände oder Finger, die arbeiten. Dieses detailreiche Arbeiten ist nicht so einfach. Eine Teilnehmerin sagt, dass sie richtig wütend wird, wenn sie sich so lange mit einer Körperstelle beschäftigen muss. Dieses langsame Arbeiten mit dem Körper ist auch ungewohnt – wann arbeiten wir schon mal so?

Meghan lässt die TeilnehmerInnen sich zurücksetzen. Release. Sie sagt: „You can feel and receive the after-effects of the pose. How often do we do something and not see the after-effects?“

Es ist eines der Themen, das Meghan immer wieder aufgreift in ihrer Arbeit: sich selbst zuzuhören und es zu erlauben, Gefühle zuzulassen. Meghan sagt: „What do you feel? What do you not wanna feel?“

Bei Matt Giordano wird weiterhin systematisch geschaut, wie alles ineinanderfließen darf. Matt fragt nach. Ein Teilnehmer schlägt Parsvotanasana vor zur Vorbereitung für Hanumanasana (Spagat). Matt sagt nicht, dass das nicht eine gute Vorbereitung sein kann – aber was würde vielleicht perfekter sitzen? Was wäre eine genauere vorbereitende Position?

Dabei geht es Matt nicht darum, ein Konzept über die Stunde zu stülpen, sondern mehr, durchdachter sein eigenes Thema unterrichten zu können. Da muss keine lange Sequenz sein, sagt er, sondern es kann auch eine knackige kurze Praxis sein, die aber perfekt sitzt. Es geht quasi darum, die Asana, die Position, die man unterrichten will, auf den Punkt zu bringen.

Die drei Workshops zeigen gut, was modernes, heutiges Yoga sein kann: detailreich und nie aufhörend, sich weiterzuentwickeln. Dabei ist es total legitim, sich auf eines der drei Themen zu konzentrieren. Denn die sind jeweils schon ein Kosmos für sich. Ein schöner Web-Teppich wird es natürlich durch das Kombinieren dieser Inhalte.

Der Vorteil einer Welt, in der mehr Yoga stattfindet, ist auch ein Verfeinern der eigenen Technik. Sowohl als SchülerIn als auch als LehrerIn. Denn im Endeffekt lernen wir nie aus, und das sollten wir immer mal wieder betonen. Um die ganze Vielfalt da draußen zu sehen.

 

Am Samstag schauen wir uns auf der Yogaconference verschiedene Stile an und stellen uns die Frage: Macht es heute überhaupt noch einen Unterschied, welches Label auf dem Yogakurs steht?

 

Ticket sichern